Petra Dufner
Mein Herz ist einfach durchgebrochen
Wenn jemandem das Herz bricht, ist der Ausdruck für gewöhnlich in übertragenem Sinn gemeint und findet oft im Umfeld der Liebe statt. Bei Petra Dufner war es ebenso - aber auch ganz anders.
Heute schaut sie zurück auf eine bewältigte Lebenskrise. Für sie ist das Röntgenbild, das ihre Herzkranzgefäße zeigen, nicht nur ein medizinisches Phänomen: Sie halten ein gebrochenes Herz zusammen, überbrücken das Narbengewebe und versorgen den Motor des Lebens mit allem, was nötig ist.
Das sichert Petra nicht nur das eigene Überleben, sondern es profitieren auch Menschen davon, die ihr sehr am Herzen liegen.
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Jahrelang sind die beiden Paare einfach miteinander befreundet: Petras Bruder mit seiner Freundin sowie Petra selbst und ihr Mann, mit dem sie zwei Kinder hat. Sie machen Ausflüge, gehen gemeinsam in den Urlaub und feiern miteinander. Es ist ein vertrautes, unbeschwertes Miteinander – eine eingeschworene Gemeinschaft, in der sich alle sicher fühlen.
Doch dann kommt alles anders. Zwischen Petras Mann und der Freundin ihres Bruders entflammt eine Liebe, die das Leben aller Beteiligten mit einem Schlag verändert. Was viele bereits geahnt haben, trifft Petra wie ein Blitz aus heiterem Himmel.
Ihr Urvertrauen zerbricht in einem einzigen Augenblick. Es ist für sie etwas geschehen, das nicht geschehen darf und deshalb auch nicht wahr sein kann. Doch es gibt nichts mehr zu besprechen und nichts mehr zu retten. Nach 23 Jahren Ehe ist die gemeinsame Geschichte des Paares beinahe von einem Tag auf den anderen beendet. Ihr Mann zieht aus dem gemeinsamen Haus aus.
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„Es waren ja nicht nur wir als Paar und unsere Kinder davon betroffen, sondern ebenso meine Schwägerin und mein Bruder, mein Bruder und ich, unsere Eltern und alle gemeinsamen Freunde, aber auch meine Schwägerin und ich, die wir uns ja auch irgendwie verloren haben“, erinnert sich Petra.
Mit der Trennung zerbricht nicht nur ihre Ehe. Ein ganzes Geflecht aus Beziehungen, Gewohnheiten und gemeinsamen Erinnerungen aller Beteiligten löst sich auf. Wie paralysiert muss Petra plötzlich mit der Gewissheit leben, ihren Weg von nun an, ohne ihren Mann weiterzugehen.
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In ihrer ersten Erstarrung sind es vor allem die beiden Kinder, die Familie und Freunde, die Petra Halt geben. Sie trauern allerdings nicht nur gemeinsam mit ihr, sondern auch selbst um das einst befreundete Paar und dessen Verlust. Dennoch haben sie genügend Abstand, um Petra dabei zu helfen, die Situation zu ordnen und gemeinsam mit ihr herauszufinden, wie es für sie weitergehen könnte.
Das gemeinsame Haus wird verkauft. „Es war mir emotional auch nichts mehr wert. Da habe ich erfahren dürfen, dass ich gar nicht so viel brauche“, sagt Petra.
Sie zieht mit ihrem damals 16-jährigen Sohn und der 19-jährigen Tochter in das renovierungsbedürftige Erdgeschoss ihres Elternhauses. Die Tochter ist zum Zeitpunkt der Trennung in Australien. Damit aus den Räumen wieder ein Zuhause für die drei werden kann, ist handwerkliches Geschick und jede Menge Arbeit in Eigenregie gefragt. Auch dabei stehen die Freunde zur Seite.
Ein Jahr nach der Trennung folgt auch beruflich ein Neuanfang. Petra wechselte ihren Arbeitsplatz und tauscht die Tätigkeit in einem Produktionsbetrieb gegen die Arbeit als Betreuungsassistentin in einem Pflegeheim.
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Petra funktioniert. Auch deshalb, weil sie weiß, dass ihre Kinder noch nicht dort angekommen sind, wo sie im Leben eigentlich hinwollen. Für sie da zu sein und sie dabei zu unterstützen, ihren eigenen Weg zu finden, wird zu einer wichtigen Aufgabe. Sie ermutigt ihre Kinder, sich Zeit zu nehmen und ihren Träumen zu folgen. Sie beweist Stärke, als sie auch das Verhältnis der Kinder zum Vater ordnet, obwohl ihr danach nicht ist.
Auch im Pflegeheim ist Petra für andere da. Sie schenkt den Bewohnerinnen und Bewohnern Fürsorge und Halt und begegnet ihren Kolleginnen und Kollegen mit Respekt und Anerkennung, was sie zu einer wertgeschätzten Anlaufstelle macht.
So ist es schließlich auch ein um sie besorgter Kollege, der gegen ihren Willen den Rettungswagen ruft, als Petra bei der Arbeit stolpert. Ihr Rücken macht ihr schon lange schwer zu schaffen, doch diesmal sind die Schmerzen so stark, dass ihr die Luft wegbleibt.
Petra selbst hält einen Krankenhausaufenthalt für völlig unnötig. Sie hat schließlich keine Zeit für solche Kapriolen. Der Rettungssanitäter beruhigt sie: Eine Blutuntersuchung im Krankenhaus dauert nicht lange. Wenn sich herausstellt, dass nicht das Herz die Ursache für die heftigen Schmerzen ist, kann sie gleich wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehren.
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Doch der untersuchende Kardiologe in der Herzklinik sieht die Sache ganz anders. Bei der Herzkatheteruntersuchung staunt er nicht schlecht. Er stellte nach einem vor einiger Zeit erkannten noch zwei bereits zurückliegende und von der Patientin nicht als solche wahrgenommene Hinterwandinfarkte fest.
Auf dem Röntgenbild war eine ältere, ausgeprägte Vernarbung zu erkennen, die sich über den Herzmuskel zog. Es sah beinahe so aus, als wäre Petras Herz bereits Jahre zuvor in zwei Hälften gebrochen. „Da geht ja gar nichts mehr“, beurteilt der Fachmann den Blutdurchfluss an Petras Herzen und trifft damit auch beim Allgemeinzustand der Patientin ins Schwarze.
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Die Vernarbung ist von Herzkranzgefäßen überwachsen. Sie überbrücken die durch die Narbe unterbrochene Blutversorgung und stellen so gerade noch die Versorgung des Herzens sicher. „Es sah aus, als würden die Gefäße wie zwei Hände mein Herz und damit mein Leben halten“, erinnert sich Petra.
Ihr Herz hat offenbar seinen eigenen Weg gefunden, sie weiter durchs Leben zu tragen – ohne dass sie selbst etwas davon weiß. Für sie fühlt sich diese Tatsache bis heute „wundersam“ an. „Vielleicht war es so, dass jemand bestimmte, dass ich meine Aufgaben im Leben noch nicht erfüllt hätte und mir die Möglichkeit dazu gab.“
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Während Petra langsam wieder Boden unter den Füßen gewinnt, finden auch ihre Kinder ihren eigenen Weg: Schulabschlüsse werden gemacht und Studien beendet, sichere Arbeitsplätze aufgegeben, Träume von einem Leben in Afrika verwirklicht, Enkelkinder geboren, neue Jobs gefunden und berufliche und andere Erfüllungen des Lebens entdeckt.
Es war, als hat sich plötzlich etwas gelöst. Die Kinder gehen selbstbewusst ihren Weg – und Petra kann ihren eigenen wiederfinden.
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Petra hat im Pflegeheim eine berufliche Aufgabe gefunden, die sie fordert und zugleich erfüllt. Dabei kommt ihr ihre Ausbildung zur Physiotherapeutin zugute. Vor allem aber ist es ihre soziale Kompetenz, die sie im Umgang mit anderen Menschen auszeichnet und ihr selbst Kraft gibt. „Ich liebe es, mit Menschen zu sein.“ Das sporne sie an, bereite ihr Freude und tue ihr zugleich selbst gut, sagt Petra. Als empathische Mutter von Kindern, weiß sie aus Erfahrung heraus, was Menschen guttut.
Mittlerweile leitet sie das Team der Betreuungsassistentinnen im Pflegeheim. Sie trägt Verantwortung für die Aktivierung der zu Pflegenden und für 13 Teamkolleginnen. Ausgerechnet dort, wo sie einst nur einen neuen Job gesucht hatte, hat sie eine Aufgabe gefunden, die zu ihr passt.
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In ihrem beruflichen Alltag und auch im Leben hat Petra erfahren, dass aufrichtige Wertschätzung ein Multiplikator für ein besseres Miteinander sein kann. Das Prinzip ist eigentlich ganz einfach: Interesse daran zeigen, was andere Menschen leben und leisten.
Wer wirklich hinschaut, zuhört und Anteil nimmt, öffnet damit Türen, sagt Petra. Wertschätzung mache den Draht zueinander leitfähiger – und könne aus einem Nebeneinander ein echtes Miteinander entstehen lassen.
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Nach einer Operation am offenen Herzen lebt Petra zwar mit gesundheitlichen Einschränkungen, aber sie lebt gut. Sie hat gelernt, besser auf sich zu achten, ihre Lebensweise geändert und ihren Blick auf das Wesentliche gerichtet. „Zeit, Gesundheit, Familie und das Leben einfach machen lassen, stehen da ganz oben auf der Liste“, sagt sie.
Vielleicht liegt genau darin die größte Veränderung ihres Lebens: Petra hat erfahren, wie schnell eine vertraute Welt zerbrechen kann. Sie hat verloren, was sie für unverrückbar hielt – und dabei etwas Neues gefunden. Einen eigenen Weg, eine Aufgabe, Menschen, die ihr geblieben sind, und vor allem die Erkenntnis, dass das Leben manchmal anders weitergeht, als man es sich je vorstellen konnte.
Und, dass ein gebrochenes Herz nicht zwangsläufig das Ende einer Geschichte bedeutet.