Nina Drewniok
Weitgereist und den eigenen Kosmos gefunden
Nina Drewniok bereiste Amerika, Australien, Südostasien, Vietnam, Thailand, Costa Rica und viele weitere Länder. An den Wochenenden hatte sie Europa „abgedaddelt“, bis sie schließlich Tansania für sich entdeckt.
Das Leben als Weltenbummlerin hielt einige Stolpersteine für sie bereit und nahm, wie sie sagt, in den vergangenen Jahren vielleicht ein wenig zu schnell Fahrt auf. Zu lange versuchte sie, irgendwo hineinzupassen. Heute schaut sie, was passiert, wenn sie nicht mehr hineinpasst.
Sie ist überzeugt davon, dass alles genau so kommen musste. Heute vertraut sie ihrer Intuition: „Die sagt mir verlässlich, was gut für mich ist.“ Es ist ihre Erfahrung vom Loslassen und Finden. Und von Heilung.
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Noch vor der Grundschule beginnen Nina Drewnioks Probleme mit dem vermeintlichen Anderssein: Sie ist größer und dementsprechend schwerer als ihre Gleichaltrigen. Auch später noch eine Tagträumerin, die in ihrer eigenen Blase lebt, sagen die anderen und lächeln dabei.
Realschulabschluss, keinen Plan – dafür die Erkenntnis: Abitur bedeutet reisen und Freiheit. Allerdings, so hört sie die Rahmenbedingungen, nur aus der Sicherheit heraus. Also bringt sie das Gymnasium zu Ende sowie den Ausbildungsvertrag für das kommende Jahr unter Dach und Fach und fliegt anschließend nach Australien. „Ich merkte schnell: Reisen war genau mein Ding“, erinnert sie sich.
Dass sie unter einer Essstörung leidet, war ihr selbst nicht klar – und auch anderen nicht. Psychischer Druck ist der Auslöser für heimliche Essattacken hinter verschlossener Tür. Wegen ihrer lebenslangen Sportlichkeit als Fußballerin, später als Trainerin und Tänzerin, hält sich die Gewichtszunahme der jungen Frau zunächst in Grenzen.
Zu Hause ist sie fest in die kleinstädtische Gesellschaft eingebunden und engagierte sich dort, weil man das eben so macht. Niemand bemerkt etwas. Bulimie ist für Nina lange Zeit ein Fremdwort.
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Die Lehre zur Industriekauffrau mit Zusatzqualifikation Internationales Wirtschaftsmanagement und Fremdsprachen macht ihr Spaß. Sie hat tolle Kollegen und einen Chef, der weiß, wie Nina tickt und unter welchen Bedingungen sie ihre Leistung am besten erbringen kann.
Das Unternehmen eröffnete ihr nach der Ausbildung die Möglichkeit, auch im Ausland zu arbeiten und erfüllte damit Nina den unausgesprochenen Wusch zu reisen. Bald gibt sie Produktschulungen in Singapur und ist für den Markt in Südostasien verantwortlich.
Sie ist fleißig und arbeitet viel. Doch ihr Ansporn ist weder Leidenschaft für den Beruf noch Anerkennung, sondern Geld: Geld für die nächste Reise. Und davon steht immer eine an.
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Ihre beruflichen Rahmenbedingungen sind so gut, dass sie alles erreichen könnte. Dennoch gelingt es ihr nicht, sich in die Welt der Businesskostüme einzufügen. In Jeans und T-Shirt fragt sie sich am Arbeitsplatz: „Warum kann ich nicht so sein wie sie?“
Nina fühlte sich anders und unglücklich, weiß allerdings nicht, warum. Ihr Körpergewicht steigt langsam, aber stetig. Sie treibt viel Sport und ist muskulös und entwickelt weitere Ablenkungsstrategien – wie etwa auffälliges Make-up, um die Blicke auf ihr Gesicht und weg von ihrem Körper zu lenken.
2018/19 hat sie die schlimmsten Essattacken. Endlich lässt die Cousine, die beste Freundin Ninas, mit ihren Nachfragen nicht locker und hält Nina den Spiegel vor. Sie erkennt, dass sie fachliche Hilfe benötigt. Die Freundin unterstützt sie bei ersten Schritten in eine Therapie.
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Die Pandemie sei ein Segen für sie gewesen, sagt Nina heute. Sie ist im Homeoffice. Vor allem die vielen privaten Verpflichtungen und Engagements wie Fußballtraining und Vereinsarbeit liegen auf Eis. Es gibt nur das Zuhause und plötzlich mehr Zeit.
Diese Zeit nutzt sie zur Selbstreflexion, unter anderem mit Webseminaren zur Persönlichkeitsbildung. Ihr wird klar, dass sie einen anderen Weg einschlagen muss. Welcher, bleibt allerdings zunächst ein Fragezeichen. „Trotzdem sind ganz viele Muster und negative Glaubenssätze gefallen“, sagt sie.
Doch es dauert, bis sie sich entscheidet. Dazwischen liegen der Herzinfarkt ihrer Mutter und ihr Bedürfnis, für sie und den jüngeren Brunder da sein zu wollen sowie die Angst, geliebte Menschen zu enttäuschen und Selbstzweifel.
„Es gib nie den richtigen Zeitpunkt“, trifft der kleine Bruder bei einem gemeinsamen Spaziergang am Samstag den Nagel auf den Kopf. Nina denkt darüber nach. Am Montag kündigt sie, ohne einen Plan B. in der Hinterhand.
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Die Weltreise mit offenem Ende, für die sie Geld angespart hat, wird es zunächst nicht. Nina wollte weiter an sich selbst arbeiten. Und plötzlich geht alles wie von selbst.
Kurze Zeit später ist sie auf dem Weg zu einer Yogaausbildung in Griechenland. Yoga hat sie schon lange interessiert, und Griechenland auch. Die Ausbildung ist kein Zuckerschlecken. Alle anderen Teilnehmenden verfügen bereits über Vorkenntnisse, während Nina von Vinyasa-Yoga keine Ahnung hat. „Ich merkte zum ersten Mal in meinem Leben, dass ich schnell und ausdauernd lernen kann, wenn mich etwas wirklich interessiert“, erinnert sie sich.
Zurück in Schiltach gibt sie erste erfolgreiche Yogakurse bei Fußballern ihres Vereins und in einem Pflegeheim. Das spricht sich herum – und Nina kann damit ihren Lebensunterhalt bestreiten.
Durch Zufall hört sie von einer ehemaligen Mitarbeiterin ihres früheren Arbeitgebers, die einen kleinen Kinderpatenverein in Tansania betrieb. „Ich kannte sie gar nicht und nahm mit viel Mut Kontakt via Facebook mit ihr auf, denn ich wollte jetzt nach Afrika.“
Der Patenverein kann Volontärarbeit gegen Kost und Logis brauchen. Nina steigt einfach ins Flugzeug nach Afrika.
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In Tansania haben die Menschen ein anderes Verhältnis zu Lebensmitteln, als es Nina gewohnt ist. Dort wird alles mit der Hand geschnitten, Früchte und Gemüse werden geknetet, um Soßen herzustellen, meist wird über dem Feuer gekocht. Bananenblätterteppiche werden auf dem Boden ausgebreitet, darauf kommen Schüsseln mit dem Essen für alle. Gegessen wird mit der Hand – und zwar mit einer bestimmten Technik.
Niemals geht bei der Zubereitung oder der Nahrungsaufnahme der Kontakt zu den Lebensmitteln verloren. Die Wertschätzung für Nahrung ist eine andere als bei uns. Dort wird gegessen, um satt zu werden – nicht, um sich bei der Zubereitung eines raffinierten Rezepts selbst zu übertreffen.
Auch diese Erfahrung bringt Ninas Verhältnis zum Essen in die richtigen Bahnen.
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Die „coolste“ Kennenlernfrage, die in Afrika gestellt wird, lautet: „Was ist dein Talent?“ Denn jeder kann irgendetwas besonders gut – und dieses Talent kann man selbst und können andere nutzen. Es will niemand wissen, was man damit verdient oder für welches Unternehmen man arbeitet – einzig der Mensch und sein Talent ist von Interesse.
Nina kann gut Fußball spielen und trainiert die Kinder des Patenvereins, der sie auch damit von der Straße auf den Fußballplatz holt. Außerdem unterrichtet sie Yoga in einem Haus für drogenabhängige Frauen.
Niemand kümmerte sich darum, dass eine weiße Frau diese Dinge tut. Entscheidend ist allein, dass sie ihr Talent einbringen kann. Sie lernte schnell Suaheli und entdeckte als Tänzerin eine weitere, emotionale Ebene des Ausdrucks in traditionellen afrikanischen Tänzen. „Ich habe beim Tanzen gespürt, was die da machen“, sagt sie rückblickend.
Die Schiltacherin lernte einen guten Freund kennen: den Tanzlehrer Rama.
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Wegen ihres abgelaufenen Touristenvisums muss Nina ausreisen. Drei Monate macht sie Station in Schiltach, um Geld für eine erneute Reise nach Tansania zu verdienen. Sie will nämlich so schnell wie möglich zurück, weil sie sich in Tansania selbstbestimmt und frei fühlt.“
„In Deutschland war es so, als würden viele Menschen gut gemeint versuchen, mir einen schweren Mantel aus Sicherheit und Ordnung über die Schultern zu legen“, sagt sie.
Sie kehrt nach Tansania zurück und trifft Rama wieder. „Es war von Beginn an ein Vertrauensverhältnis da. Dass mehr sein könnte, wollte ich mir damals nicht eingestehen. Das entwickelte sich erst nach und nach.“Beim zweiten Aufenthalt in Tansania ist alles klar. Nina möchte das Leben dort ausprobieren und herausfinden, ob es sich richtig anfühlt. „Im Nachhinein bin ich so froh, dass ich mich darauf eingelassen habe“, sagt sie.
Diesmal bleibt Nina ein halbes Jahr – viel länger als beim ersten Besuch. Wieder begrenzt das abgelaufene Touristenvisum ihre Zeit. Sie muss zurück – diesmal allerdings nicht allein: Sie ist ungeplant schwanger. Damit ihr selbstbestimmt alle Lebenswege offenbleiben, gibt Rama ihr beim schweren Abschied jegliche Entscheidungsfreiheit darüber, wie es weitergehen sollte. Doch ihr ist klar, dass sie ihr Kind in Tansania zur Welt bringen will.
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Wieder zu Hause meldeten sich alte Muster meldeten sich: „Ich konnte es mir lebhaft ausmalen: Ja, ja‘, würden sie sagen, die ach so naive Weltenbummlerin bringt ein Kind mit. Das war ja klar.“ Selbstzweifel meldete sich.
Es kam Nina wie eine Beichte vor, als sie ihrer Mutter, ihrem Bruder, ihrem getrennt von der Familie lebenden Vater und ihren Großeltern erst nach einem zeitlichen Anlauf von der Schwangerschaft erzählt. Doch die Reaktionen waren ganz anders, als sie erwartet hatte – bei allen in der Familie. Sie freuen sich mit der werdenden Mutter und wollen das Kind schon schaukeln.
Ihre Mutter bestärkt sie jedoch darin, den eigenen Träumen zu folgen und die Schwangere kehrt nach Afrika und zu Rama zurück. „Ich wollte die Erste sein, die sie anfasst“, erinnert sie sich an den glücklichen Moment, als sie Livie nach der Wassergeburt im Krankenhaus in Daressalam aus dem Bad fischt und sich selbst in den Arm legt.
Die glückliche deutsche Oma und der Bruder unterstützen die erste Elternzeit in Afrika. „Livie war das Beste, was je hätte passieren können.“, weiß Nina heute.
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Nina und Rama sind heute ein Paar mit zwei Kindern. Sie leben in einer ländlichen Gegend im afrikanischen Distrikt Kigamboni am Indischen Ozean und in der Nähe von Daressalaam.
Nina arbeitet mittlerweile als Onlinecoach und begleitet virtuell Frauen, die ihre Essstörungen bewältigen möchten. Rama ist weiterhin als Tanzlehrer tätig sowie als Ground Manager angestellt und kümmert sich nebenbei um die eigene Airbnb-Unterkunft. Er zeigt Gästen das authentische Leben in Afrika.
Die Essstörung, die Nina bis in ihre frühen 20er-Jahre begleitet, zählt zum Allerschlimmsten, was sie erlebt. Dennoch gehört die Erkrankung auch zum Besten, was passiert, sagt sie rückblickend. Denn sie hat sich dieser bislang größten Herausforderungen in ihrem Leben gestellt, genau hingesehen, sich unterstützen lassen, um alte Muster und negative Konditionierungen zu hinterfragen. Sie erkennt, dass sie sich davon nicht bestimmen lassen muss und selbst entscheiden, welchen Weg sie gehen möchte.