Libertad Kriegeskotte
Der Krebs hat mir den Arsch gerettet
Vor zwölf Jahren hatte Libertad Kriegeskotte beschlossen, sich beide Brüste entfernen zu lassen, um dem Brustkrebs keine Chance mehr zu geben. Nach der Diagnose und 21 Operationen später, entschied sie, dass ihre Brustrekonstruktion so unvollendet bleibt, wie sie ist.
Krebs und Depressionsepisoden haben ihre Sicht auf viele Bereiche des Lebens nachhaltig verändert.
Sie erfuhr, dass Kunst magisch sein kann. Denn kreatives Erschaffen mit den eigenen Händen ist für sie ein Anker, der sie aus dem Strudel dunkler Gedanken zurück ins Leben zieht. Vielleicht ist das der Grund, warum sie sagt, der Krebs rette ihr den Arsch bis heute – Tag für Tag.
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Mit der Entdeckung eines besonders aggressiven G-3-Tumors in ihrer Brust geht es für Libertad Kriegeskotte 2013 nicht mehr um den anstehenden Erholungsurlaub nach Genesung ihrer damals fünfjährigen Tochter und die Rückkehr in ein normales Familienleben. Plötzlich geht es ums eigene Überleben.
Beide Brüste werden entfernt, ebenso die Gebärmutter und Eierstöcke. Es folgen Chemo- und Antihormontherapie sowie Brustimplantate. Fünf Jahre später ist die Behandlung abgeschlossen und Libertad gilt als befundfrei.
Für einen Moment scheint es so, als kann das Leben wieder dort anknüpfen, wo es aus den Fugen geraten ist. Doch der Krebs mit seinen Folgeerscheinungen ist nicht einfach eine Geschichte, die Libertad abschließen kann.
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Fünfmal müssen Implantate entfernt und durch neue ersetzt werden. Entzündungen und schmerzhafte Verkapselungen machen die Eingriffe notwendig. Es kommen weitere Operationen hinzu – wegen Narbenschmerzen, Wundheilungsstörungen, Knochenbrüchen und anderen Folgen der Erkrankung. In zwölf Jahren sind es insgesamt 21 Operationen.
Libertads Körper wird durch die ständigen Eingriffe und die dauerhafte Einnahme von Medikamenten zunehmend geschwächt. Allein 2025 muss sie fünfmal operiert werden, davon sind es drei Notoperationen mit Bluttransfusionen, ohne die sie heute nicht mehr leben würde. 2026 bricht sie sich das Sprunggelenk, weil ihre Knochen durch vorausgegangene Therapien instabil sind. Das und zwei Brust-OPs stehen an – wieder mit Notoperation.
Irgendwann kommt dann der Punkt, an dem sie sich fragt: Wie viel kann sie ihrem Körper noch
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Nach Entfernung der letzten Implantate, die offenbar für sie nicht funktionieren, entscheidet sich Libertad für eine Rekonstruktion der Brust mit Eigengewebe vom Gesäß. Der Eingriff ist schmerzhaft. Doch zum ersten Mal seit zwölf Jahren fühlt Libertad ihren Körper anders, ihre Brüste nicht mehr als Fremdkörper und erstmals wieder Köperwärme dort. Nicht mehr wie einen Fremdkörper.
Vorhandene Unregelmäßigkeiten könnten nun noch operativ korrigiert werden und eine erneute Rekonstruktion der Brustwarzen wäre möglich. Aber Libertad hat genug und will sich den Gefahren der Operationen nicht mehr aussetzen. Ihre Brüste bleiben so, wie sie jetzt sind. Unvollkommen vielleicht. Aber zu ihr gehörend.
„Brustkrebs ist keine Krankheit, die man abschneidet und fertig.“
Brustkrebs ist eine systemische Erkrankung. Das bedeutet, dass auch nach einer Behandlung unbemerkte Krebszellen im Körper zurückbleiben und zu einem späteren Zeitpunkt irgendwo im Körper wieder aktiv werden könnten. Das bedeutet, dass regelmäßige Nachsorgeuntersuchungen wichtig sind. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten allerdings nach einer bestimmten Zeit ohne Befund nicht für alle noch möglichen Kontrolluntersuchungen.
„Die willst du in deiner Situation natürlich auch nutzen. Allerdings muss man sich das dann als Selbstzahler auch leisten können“, so Libertad. Vieles davon bleibt deshalb auf der Strecke. Libertad muss mit der Angst vor einem Rückfall leben, wie alle Brustkrebspatientinnen. Man müsse mit dem Gedanken an frühzeitige Endlichkeit des Lebens auch erstmal klarkommen, sagt sie.
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Brustkrebs ist eine systemische Erkrankung. Das bedeutet, dass auch nach einer Behandlung, unbemerkt Krebszellen irgendwo im Körper zurückbleiben und zu einem späteren Zeitpunkt aktiv werden können. Das bedeutet, dass Nachsorgeuntersuchungen regelmäßig und wichtig sind. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten allerdings nach einer bestimmten Zeit ohne Befund nicht für alle noch möglichen Kontrolluntersuchungen.
„Die willst du in deiner Situation natürlich auch nutzen. Allerdings muss man sich das dann als Selbstzahler auch leisten können“, so Libertad. Vieles davon bleibt deshalb auf der Strecke. Libertad muss mit der Angst vor einem Rückfall leben, wie alle Brustkrebspatientinnen. Da müsse man mit dem Gedanken an frühzeitige Endlichkeit des Lebens auch erstmal klarkommen, sagt sie.
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Der Krebs hat nicht nur ihren Körper verändert. Er hat auch ihre Psyche verändert. Immer wieder kommt es zu Depressionsepisoden. Libertad kennt die ersten Anzeichen inzwischen. Und sie weiß, dass sie etwas tun muss, bevor die Gedanken sie nach unten ziehen.
Dann greift sie zur Kunst. Sie richtet ihren Lichtstrahl wie mit einer Taschenlampe aus dem Dunkeln bewusst auf das Schöne. Auf Dinge, die sie kreativ erschaffen kann. Auf Materialien, die sich verändern lassen. Auf Ideen, die plötzlich Form annehmen. Die Kunst wird zum Anker, zum Gegenpol zu Grübeleien. Der Lichtstrahl, der gleich eines Spots einen schönen Punkt in Szene setzt, wird zur Leiter ins Leben.
Und vielleicht liegt genau darin eine der überraschendsten Wendungen ihrer Geschichte verborgen: Ohne den Krebs hätte Libertad vermutlich niemals so viel Zeit und Raum gefunden, um ihre Kreativität und viele Talente zu entdecken und zu entwickeln. „Mit der Erkrankung habe ich die Chance bekommen, mich selbst neu kennenzulernen“, sagt sie.
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Mit ihrem Atelier hat Libertad einen Ort geschaffen, der genau zu ihr passt. Hier gibt es bildhauerische Töpferei, Schmuck aus japanischen Miyuki-Perlen, Swarovski-Kristallen, Gold und Keramik. Sie näht, malt und experimentiert mit unterschiedlichsten Materialien und Farben. Und sie schreibt Fantasiegeschichten. Die füllen bereits drei Bücher und warten auf ihre Veröffentlichung.
Das Atelier ist kein fertiger, statischer Raum. Es verändert sich ständig – genau wie ihre Arbeit. Wenn Libertad eine Idee hat, sucht sie nach einem Weg, sie umzusetzen. Manchmal reicht das vorhandene Werkzeug nicht aus. Dann baut sie sich selbst technische Hilfsmittel. Sie probiert aus, verändert, verwirft und versucht es erneut. Bis es funktioniert. Bis aus einer Vorstellung etwas Greifbares wird.
„Das ist wie Magie“, sagt sie. Doch Magie allein reicht nicht. Dahinter stecken Geduld, Beharrlichkeit und die Bereitschaft, immer wieder neu anzufangen. Eigenschaften, die Libertad in mehr als zwölf Jahren mit Krebs ebenfalls gelernt hat.
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Libertad hat spanische Wurzeln, womit sie ihren Charakter in Verbindung bringt. Sie beschreibt sich selbst als bunt, leuchtend und extrovertiert. Das ist sie vor der Erkrankung – und das ist sie noch heute. Ihre Vorliebe für Ausgefallenes gehört zu ihr – ebenso wie ihr Temperament.
Der Krebs hat ihr keine neue Persönlichkeit gegeben. Aber er hat ihren Blick verändert. Auf sich selbst. Auf andere Menschen. Auf das Leben. Denn jeder Mensch geht mit einer Krise anders um. Auch mit einer Erkrankung, die sich nicht kontrollieren lässt. Vielleicht gehört auch das zu einer Erkenntnis, die erst nach vielen Jahren kommt: Jeder Mensch muss seinen eigenen Weg finden - und nicht jeder eignet sich als Wegbegleiter.
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Freundschaften entstehen häufig aus gemeinsamen Erlebnissen, ähnlichen Lebenssituationen, wegen des Berufs, durch Liebe oder Familie. All das verbindet. Doch was passiert, wenn das eigene Leben plötzlich aus der gewohnten Spur gerät?
Libertad erlebt, dass viele alte Freundschaften ihre Krankheit nicht überstehen. Manche Beziehungen zerbrechen, weil sie nicht mehr zu ihrem veränderten Leben passen und sich nicht mehr stimmig anfühlen. „Wie sollen mich auch alte Freundinnen und Freunde verstehen, wenn sie nicht die gleichen Erfahrungen und Erlebnisse haben, wie ich sie habe“, sagt sie.
Ihre Krebserkrankung und ihr Umgang damit haben ihren Blick auf freundschaftliche Verbindungen verändert. Manche Freundinnen und Freunde wurden ihr fremd, weil die gemeinsamen Lebenswelten auseinanderdriften. Libertad zieht daraus Konsequenzen und kündigt einige Freundschaften bewusst auf. Gleichzeitig gehen auch Menschen von sich aus auf Abstand – manche davon, weil sie nicht wissen, wie sie mit Libertad und ihrer Krankheit umgehen sollen.
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Während Libertad ums Überleben kämpft und gezwungen ist, sich intensiver um sich selbst zu kümmern, verändert sich ihr Blick auf die Welt. Andere Dinge werden wichtig. Das Tierwohl zum Beispiel, um das sie sich konsequent kümmert. Auch mit Blick darauf, ernährt sie sich vegan.
„Ich mache heute ganz andere Dinge“, sagt Libertad. So legt sie beispielsweise gemeinsam mit ihrem Mann selbst Hand an bei einer Impfaktion, bei der mehr als 1600 Vögel im Landkreis Rottweil gegen Krankheiten geimpft werden.
Andere Erlebnisse führen andere Menschen zusammen. Sie beginnt bewusst nach Menschen zu suchen, die ähnlich denken und fühlen wie sie. Häufig findet sie diese außerhalb von Schiltach. Das schafft neue Themen und Verbindungen – macht Nähe vor Ort allerdings auch schwieriger.
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Warum gerade ich? Diese Frage stellt sich Libertad nicht. Sie wünscht niemandem eine Krebserkrankung. Sie sei dadurch auch kein besserer Mensch geworden. Aber der Krebs habe „einfach alles verschoben“, sagt sie.
Er hat Freundschaften, Begegnungen, ja sogar Plätze, an die sie geht, „gefiltert“, hat sie selbst sogar größtenteils von der bis dahin gewohnten Umgebung isoliert. Der Krebs klärt vieles. Menschen sind gegangen. Andere sind hinzugekommen. Manche Dinge verlieren ihre Bedeutung, andere werden plötzlich wichtig.
Und irgendwo zwischen 21 Operationen, Schmerzen, Angst, Depressionen und der ständigen Ungewissheit entsteht etwas, das Libertad heute als Geschenk betrachtet: die Möglichkeit, sich selbst neu entdecken und ihr Wertesystem justieren zu dürfen.
Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum sie sagt: „Der Krebs hat mir den Arsch gerettet.“ Nicht, weil sie dankbar für die Krankheit wäre. Sondern weil sie trotz aller Schwäche lernt, ausreichend Stärke zu entwickeln, um nach vorne zu schauen.