Janina Allgeier
Die Beule am Rollstuhl könnte vom Uluru (Ayers Rock) sein
Janina Allgeiers Leben änderte sich im Alter von 14 Jahren durch eine vermeintliche Erkältung. Die Untersuchungen endeten mit der Diagnose „Hodgkin-Lymphom“. Die Heilung des Lymphdrüsenkrebses verursachte Bestrahlungsschäden an der Wirbelsäule. Heute bestreitet die weitgereiste und erfolgreiche 43-jährige Technische Redakteurin ihr Leben weitgehend selbstständig – jeden Tag aufs Neue.
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Mit diesen Worten endet 1997 für Janina Allgeier ein Traum, den sie gerade erst zu verwirklichen begonnen hat. Die damals 14-Jährige will bei Hansgrohe ein Schülerpraktikum absolvieren und anschließend eine Ausbildung zur Industriemechanikerin in der Fachrichtung Geräte- und Feinwerktechnik beginnen. Doch dann kommt alles anders. Eine Krebserkrankung machte ihre Pläne zunichte.
Was damals niemand weiß: Die Krankheit wird Janinas Leben nicht nur für Monate, sondern für Jahrzehnte prägen. Sie wird Therapien und Rückschläge überstehen, einen Schulabschluss nachholen, obwohl sie inzwischen im Rollstuhl sitzt.
Viele Wege, die vor ihr liegen, sind nicht vorgesehen. Manche sind steinig. Andere führen an Orte, von denen sie als 14-Jährige nicht einmal zu träumen wagte.
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Nach der Untersuchung einer vermeintlichen Bronchitis überweist der Hausarzt die Jugendliche ins Krankenhaus, mit der Empfehlung, eine gepackte Tasche mitzunehmen. Für die 14-Jährige ist das zunächst kaum mehr als eine merkwürdige Vorsichtsmaßnahme.
Im Krankenhaus folgt die erste Ahnung, dass etwas nicht stimmt. „Da wächst etwas, was da nicht hingehört“, heiß es. In der Nähe des Brustbeins hat sich ein Tumor gebildet, der sich rasant vergrößert und schließlich eine Größe von 15 mal 9 mal 6 Zentimetern erreicht. Wenige Tage später beginnt die Chemotherapie, die zunächst erfolgreich war.
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Die Hoffnung auf einen schnellen Weg zurück in ein normales Leben währt nicht lange. Beim Nachsorgetermin 1998 kommt die niederschmetternde Nachricht: Der Krebs ist zurück.
Es folgen wieder Chemotherapie und Bestrahlungen. Schließlich werden eigene Stammzellen entnommen und später wieder injiziert. Ein ganzes Jahr vergeht zwischen Klinik und zu Hause, zwischen Therapien, Erholung und dem Versuch, so etwas wie Alltag zurückzugewinnen.
Dazwischen gibt es kleine Ausflüge in ein Leben, das sich noch normal anfühlt. Janina arbeitet beispielsweise in den Ferien als Kellnerin, um Geld für ihren Rollerführerschein zu verdienen.
Doch ihre Oma bemerkt irgendwann, dass die Enkelin „so komisch“ geht. Kurz darauf entwickeln sich Darm- und Blasenentleerungsstörungen. Die Ursache ist eine chronisch progressive Myelopathie, eine langsam voranschreitende Rückenmarkserkrankung, die als Spätfolge der Chemotherapien auftritt. Sie führt nach und nach zu einer Muskellähmung. Der Krebs ist zwar besiegt, doch sein Preis wird Janina noch lange begleiten. Sie wägt ab: „Leben gegen Laufen, damit ich noch leben darf.“
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Das Laufen geht zunehmend schlechter. Schließlich bleibt eine inkomplette Querschnittslähmung zurück. In der Reha findet sie sich in der neuen Lebenssituation zurecht: „Ich lernte, Rollstuhl zu fahren und noch mehr“, sagt sie.
Ausgerechnet jetzt, als sie eigentlich ins Berufsleben starten will, muss Janina ihre Zukunft neu denken. Die Traumlehre zur Industriemechanikerin ist unter den neuen Bedingungen nicht mehr möglich. Für die Arbeit an Maschinen fehlt ihr die uneingeschränkte Bewegungsfreiheit.
Doch Aufgeben kommt für sie nicht infrage. Eine neue Chance eröffnete sich ihr als Technische Zeichnerin bei Hansgrohe. Um sich darauf vorzubereiten, besucht die Rollstuhlfahrerin die Berufsfachschulen in Neckargmünd, die Bildungsangebote für Menschen mit Behinderung anbietet. Sie holt ihren Realschulabschluss nach. Es ist ein weiterer neuer Weg – und einer, der nicht nur beruflich etwas verändert.
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In der Schule in Neckargmünd lernt Janina ihren späteren Lebenspartner Thomas kennen. Er lebt mit Morbus Crohn, einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung.
„Ich kam in die Klasse und wir verliebten uns schnell ineinander“, erinnert sich Janina. Schon bald werden aus ersten Gesprächen lange Telefonate. Nach den ersten Schulferien, die sie daheim verbringt, muss sie sich sogar Geld leihen, um ihre Handyrechnung bezahlen zu können. Zu groß ist die Sehnsucht nach dem Menschen, der sich als die große Liebe ihres Lebens herausstellen wird.
Es beginnt zunächst ein Leben zwischen zwei Wohnorten. Die Wochentage verbringt das Paar miteinander und die Wochenenden ist Janina im Schwarzwald bei ihrer Familie und Thomas in der Außenwohngruppe der Schule, in der er zumeist wohnt.
2010 erfüllten sich Janina und Thomas schließlich den Wunsch nach einem gemeinsamen Zuhause. In Dunningen ziehen sie eine barrierefreie Wohnung und leben dort drei Jahre zusammen.
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Insgesamt 13 Jahre sind Janina und Thomas ein Paar. 13 Jahre, in denen sich Krankheit und Alltag, Hoffnung und Rückschläge immer wieder abwechseln. Janina überlebt einen schweren Autounfall und liegt acht Tage im künstlichen Koma – eine Zeit, in der alle um ihr Leben bangen und hoffen.
Auch Thomas' Gesundheitszustand verschlechtert sich zunehmend. 2013 erliegt er seiner Krankheit. Janina bleibt an seiner Seite und begleitet ihn auf seinem letzten Lebensweg. Eine Zeit, die kaum in Worte zu fassen ist.
In dieser schweren Phase wird ihre beste Freundin Meli zu einer wichtigen Stütze. Sie bleibt zunächst wochenends bei Janina – Tag und Nacht. Sie ist da, als der Schmerz am größten ist, und hilft ihr dabei, die ersten Schritte in ein Leben zu gehen, das nun völlig anders aussieht.
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Eigentlich wollten Thomas und Janina gemeinsam verreisen. Ein Jahr vor seinem Tod hat er dafür einen rollstuhlgerechten Camper gekauft, der noch immer vor der Tür steht.
Die reiselustige Meli macht Janina Mut zu einem besonderen Abschied, der auch ein Neuanfang sein konnte: Sie hat die Idee, entweder mit dem Camper nach Schottland zu fahren oder gleich den großen Traum der beiden Frauen von Australien wahr werden zu lassen.
Gemeinsam beladen die beiden Frauen den Camper mit all dem, was Janina im Alltag benötigt. Pflegeutensilien, Hilfsmittel und Versorgungsmaterial müssen ebenso mit, wie Kleidung und Reisegepäck. Dann geht es tatsächlich los – zunächst nach Schottland.
Vier Wochen lang sind sie in Schottland unterwegs – bei Wind und Wetter, unabhängig von rollstuhlgerechten Hotels und von Toiletten, die für Janina jederzeit erreichbar sein müssen. Der Camper gibt Janina etwas zurück, das in ihrem Leben oft von äußeren Umständen abhängig ist: Freiheit.
Vom Schottland-Abenteuer ermutigt, wagen die Freundinnen den nächsten Schritt: eine Flugreise. Der kurze Testflug soll zeigen, wie das Reisen mit Rollstuhl im Flugzeug überhaupt funktioniert. Wird Janina die Zeit gut überstehen? Wie lässt sich das Toilettenproblem lösen, wenn sie die Bordtoilette nicht selbstständig nutzen kann? Was muss organisiert, vorbereitet und mitgenommen werden? Die Freundinnen probieren es gemeinsam aus, suchen Lösungen und lernen aus den Schwierigkeiten.
Der nächste Testflug führt nach Kanada – ungefähr eine halbe Australienreisestrecke. Die vierwöchige-Rundreise mit einem Mietwagen führt von einem barrierefreien Hotel zum nächsten. Rollstuhl und umfangreiches Pflegegepäck sind ständige Begleiter. Die Überwindung jeder logistischen Herausforderung lässt auch die Freiheit wachsen.
Doch Australien muss wieder warten. Ein eingewachsenes Haar am Körper macht Janina große Probleme. Nach der Operation kann sie wochenlang nicht sitzen. Doch der Traum von Down Under bleibt. Ein Gutes hat die Zeit der langen Genesung: Janina lernt im Krankenhaus, wie sie sich selbst einen Dauerkatheter legt und das Toilettenproblem für die lange Australienreise ist damit vom Tisch.
Nach jahrelanger Vorbereitung ist es schließlich so weit. Über Singapur, mit einem Zwischenstopp und einer Erholungspause im Hotel, erreichen die beiden Frauen Australien. Eine fünfwöchige Reise beginnt – mit geplanten Etappen, großen Zielen und kofferweise individuell zusammengestelltem Pflegegepäck.
Einer der Höhepunkte ist ein Hubschrauberrundflug zum Uluru (Ayers Rock). Für Janina ist es weit mehr als ein spektakuläres Reiseerlebnis. Es ist die Gewissheit, dass ihr Leben trotz aller Einschränkungen Möglichkeiten bereithält.
Das bislang jüngste Abenteuer führt die Freundinnen nach Österreich. Zwar nicht weit von der Heimat entfernt – und dennoch eine Herausforderung. Ihr Ziel: das Gipfelkreuz des 1650 Meter hohen Brandstadls. Der Weg dorthin ist keiner, den ein Rollstuhl normalerweise nimmt. Doch Janina und Meli machen ihn. Radumdrehung für Radumdrehung, über Stock und Stein, bis sie oben ankommen.
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Heute lebt Janina in Schenkenzell und meistert ihren Alltag weitgehend selbstständig. Sie ist mit ihrem eigenen Pkw mobil und hat im Laufe der Jahre gelernt, die Dinge auf ihre eigene Weise zu organisieren. Das war nicht immer selbstverständlich. „Es dauerte rund fünf Jahre, bis ich akzeptiert hatte, dass ich nicht mehr laufen kann“, sagt die heute 43-Jährige.
Selbstständigkeit bedeutet für sie deshalb nicht, alles allein machen zu können. Sie bedeutet vor allem, zu wissen, was sie braucht – und den Mut zu haben, danach zu fragen. Denn die notwendige logistische Planung beginnt oft bei ganz alltäglichen Dingen. Menschen mit Behinderung müssen ihre Bedürfnisse berücksichtigen, Unterstützung organisieren und gleichzeitig mit einem Umfeld umgehen, das längst nicht überall auf ihre Situation eingestellt ist. Hinzu kommen Berührungsängste – auf beiden Seiten. Janina kennt solche Situationen. Und sie kennt die Menschen, die es anders machen. Sie habe Glück und sei dankbar Wegbegleiter, die einfach da sind.
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Der Krebs ist geheilt, die Krankheit jedoch nie ganz verschwunden. Janinas Immunsystem ist dauerhaft geschwächt. Wenn irgendwo ein Infekt grassiert, muss sie besonders vorsichtig sein. Sie schützt sich, plant voraus und wägt ab, was möglich ist. Die regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen sind besonders belastend. Sie fragt sich: Ist alles in Ordnung? Ist der Krebs tatsächlich Vergangenheit?
Für Janina ist jeder Termin eine Konfrontation mit der Angst vor der Antwort. Schon die Terminvereinbarung kostet sie deshalb Kraft. „Das reicht mir für ein dauerhaftes Stresslevel“, sagt sie.
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Janina arbeitet heute erfolgreich als Technische Redakteurin bei Hansgrohe in Schiltach. Dort hat sie unter anderem Verbesserungen umgesetzt, die Arbeitsabläufe in der Technischen Dokumentation erleichtern. Auch gesellschaftlich engagiert sie sich. Sie ist beispielsweise Mitglied im SPD-Ortsverein Schiltach/Schenkenzell und gehört dem evangelischen Kirchengemeinderat an.
Ihr Leben ist geprägt von Selbstständigkeit, Familie, Freunden und Engagement. Und doch gibt es Momente, in denen sie sich einsam fühlt. Nach allem, was hinter ihr liegt, blickt Janina nach vorn. „Ich wäre bereit für eine neue Beziehung. Doch wie mache ich das jetzt?“, fragt sie sich.
Vielleicht ist auch das wieder eine dieser Fragen, auf die es zunächst keine einfache Antwort gibt. Aber Janina hat gelernt, mit offenen Wegen zu leben. Sie hat gelernt, dass Pläne zerbrechen können – und trotzdem neue entstehen. Dass ein Weg manchmal ganz anders verläuft als gedacht. Dass man sich von einem Rollstuhl nicht davon abhalten lassen muss, Berge zu erreichen. Und dass Freiheit manchmal mit einer einzigen Radumdrehung beginnt.