Incoronata Schmieder
Non mollare mai - gib niemals auf
Als Incoronata Schmieder 2005 im Alter von 24 Jahren nach Schiltach kommt, ist sie offen, voller Energie und italienischer Heiterkeit. Sie geht auf Menschen zu und trägt etwas in sich, das sie verlieren und wiederfinden wird: Lebensfreude.
Sie lernt ihren späteren Mann Christian kennen. Es passt sofort. Nach einem Jahr zieht sie zu ihm in sein Elternhaus. Doch mit der neuen Liebe lernt die junge Frau auch eine Familie kennen, in der sie sich nicht willkommen fühlt: Italienisches Dolce Vita trifft auf Schwarzwälder Selbstverständnis.
Sie versucht, es allen recht zu machen. Sie passt sich an, arbeitet gegen Widerstände und hofft, irgendwann dazuzugehören.
2007 wird sie schwanger. Zwei Wochen vor der Geburt heiratet das Paar - heimlich, weil es Ablehnung befürchtet. Die Situation im, mit der Schwiegermutter gemeinsamen, elterlichen Haus ist angespannt. Und dann, in der 19. Schwangerschaftswoche, verändert sich alles.
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Beim Ultraschall entdecken die Ärzte eine schwere, seltene Behinderung des noch ungeborenen Kindes. Die Diagnose lautet Hydrocephalus (Erkrankung, bei der sich Hirnwasser im und/oder um das Gehirn herum ansammelt, was zu einem erhöhten Druck im Schädel führen kann). Niemand kann erklären, warum das Kind betroffen ist.
Noch war Zeit für einen Schwangerschaftsabbruch.
Als Incoronata mit ihrem Mann und dem niederschmetternden Ergebnis der Untersuchung nach Hause kommen, reagiert die Familie mit Ablehnung. Etwas anderes als eine Abtreibung komme gar nicht in Frage, heißt es. Gerade in einer Zeit, in der Incoronata und ihr Mann Halt gebraucht hätte, müssen sie sich rechtfertigen. Allein ihre Mutter stärkt der schwangeren Tochter den Rücken.
Doch für die werdenden Eltern gibt es irgendwann nur noch eine Entscheidung: für das behinderte Kind.
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Im Februar 2008 wird Selina mit ihrer Behinderung geboren. Incoronata fragt nicht: „Warum passiert das gerade uns?“, sie fragt: „Was können wir tun, damit das viel zu kleine Gehirn Selinas so viele Funktionen übernehmen wird, wie möglich.“ Von diesem Moment an nehmen Arzttermine, Therapien, Untersuchungen und das ausdauernde Greifen nach allen Strohhalmen, die Selina im Rahmen ihrer Möglichkeiten voranbringen könnten, den größten Platz in Incoronatas Leben ein.
Selina lernt anders als andere Kinder. Vieles muss ihr gezielt gezeigt und immer wieder geübt werden. Aber sie lernt. Dann, mit vier Jahren, passiert etwas, das die Ärzte so nicht vorhergesagt hatten: Selina macht ihre ersten Schritte und erobert sich ihre Welt.
Überglücklich weiß Incoronata jetzt: Die Arbeit hat sich ausgezahlt und sie darf nicht nachlassen. Zudem lernt Selina wieder jeder Erwartung sprechen, essen, sich anzuziehen und kleine Dinge ihres Alltags mit Incoronatas intensiver und ausdauernder Unterstützung zu erledigen. Selina bleibt allerdings zeitlebens auf dem geistigen Entwicklungsstand eines ungefähr vierjährigen Kindes.
Doch jeder Fortschritt hat seinen Preis. Mit zwei Jahren kommt Epilepsie hinzu. Später folgen weitere medizinische Herausforderungen. Und während Selina Fortschritte macht, wächst gleichzeitig die Belastung ihrer Mutter. Es gibt kaum einen Bereich ihres Lebens, den die sie nicht auf Selina ausrichtet.
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Und doch gibt es eine Leerstelle im Leben des Paares, die es allerdings füllen kann. Nachdem die Ärzte dem Elternpaar Mut zu sprechen, weil der Gedanke einer erblichen Bedingtheit der Behinderung Selinas durch die genetische Veranlagung der Eltern zwar nicht bewiesen ist, aber dennoch über ihnen schwebt, kommt nach zwei Jahren ein weiteres Mädchen namens Laura zur Welt. Sie hat mit Lungenentzündung zu kämpfen, ist aber ansonsten gesund.
Doch die Situation zu Hause wird sich dadurch nicht ändern. Obwohl Incoronata ihre Schwangerschaft medizinisch sorgfältig begleiten ließ, muss sie ihre Entscheidung vor anderen für ein zweites Kind rechtfertigen.
Doch die Eltern sind glücklich im Rahmen ihrer unglücklichen Situation zu Hause und für die schwerstbehinderte Schwester wird Laura zu einem weiteren Halt und später zu einer liebevollen und geliebten Stütze.
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Mit dem Besuch eines integrativen Kindergartens versucht die Familie, Selina eine möglichst normale Teilhabe zu ermöglichen. Doch die Normalität hält nicht.
Mit sechs Jahren kommt Selina in eine Schule. Dort leidet sie zunehmend unter ihrer Situation. Sie bekommt Anfälle, nässt wieder ein, zieht sich zurück. Sie sagt nicht, was mit ihr passiert. Ihre Mutter spürt allerdings: Irgendetwas stimmt nicht.
Lange bleibt die Ursache verborgen. Dann kommt heraus, dass Selina im Schultaxi und in der Schule von anderen Kindern geärgert, geschlagen und körperlich bedrängt wurde. Die Mutter reagiert sofort. Sie geht zur Polizei und besteht auf Aufklärung.
Incoronata kämpft wieder gegen Windmühlen. Diesmal nicht darum, dass ihre Tochter sich entwickeln kann. Sondern darum, dass sie sicher ist. Ein Schulwechsel Selinas verändert alles zum Guten.
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Doch das hart erworbene Familienglück ist getrübt. Das Verhältnis zwischen Schwiegermutter und Incoronata wird trotz Friedensbemühungen zunehmend schlechter. Über Jahre fühlt sie sich in der Familie ihres Mannes nicht akzeptiert. Sie darf keine Unterstützung bei der Pflege von Selina erwarten. Sie erlebt Zurückweisung, Abwertung und das Gefühl, ständig nicht zu genügen.
Wenn sich die Eltern über jeden kleinen Erfolg in Selinas Entwicklung freuen, können sie ihn nicht mit seiner Familie teilen. Denn Vergleiche und Kränkungen bleiben nicht aus. Ein Wettlauf, den Incoronata nicht gewinnen kann.
Gleichzeitig versucht sie, für ihre eigene Familie da zu sein. Neben der körperlich anstrengenden Pflege der Tochter, nimmt die psychische Belastung stetig zu.
Chrisitian versucht zu vermitteln – ohne Erfolg. „Wir hätten es doch gemeinsam so schön haben können, wenn man mir nur einmal die Hand gereicht hätte.“
Incoronata macht einfach weiter: Sie organisiert, pflegt, fährt ihre behinderte Tochter regelmäßig zu Therapieterminen, gibt auch Laura so viel Kraft und Aufmerksamkeit wie sie kann, tröstet, plant und hält zusammen. Ihr Mann wird zu ihrer wichtigsten Stütze. Doch vieles bleibt an ihr hängen.
Und irgendwann ist selbst die stärkste Frau erschöpft.
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Es wird nicht die Behinderung ihrer Tochter sein, die sie zu Fall bringt. Es ist auch nicht die jahrelange Pflege Selinas, die sie stemmt. Es ist der Druck von außen.
Sie hält lange durch – zu lange. Sie baut nicht nur körperlich ab, sondern fällt in Depression. Ihr Mann stärkt ihr auch in der tiefsten Depressionsepisode den Rücken und kümmert sich um die Familie, als Incoronata selbst es nicht mehr kann. Sie erkennt sich selbst nicht wieder und spürt sich nicht mehr. Sie trinkt zu viel Alkohol und fügt ihrem Körper Schaden zu, um den Druck zu mildern. Es entstehen Narben, über die sie später „Non mollare mai“ (Gib niemals auf) tätowieren lassen wird.
„Ich war voller Wut und fühlte mich ohnmächtig in meiner Situation.“ Diese Wut richtet sich irgendwann auch gegen die Menschen, die sie am meisten liebt, obwohl sie gar nicht der Anlass sind. Rückblickend sagt sie, dass sie sich zeitweise kaum selbst wiedererkannt habe.
„Meine Kinder hatten Angst vor ihrer eigenen Mutter. Mein Mann tat, was er konnte. Er rieb sich auf zwischen Beruf, Familie und mir.“
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2022 erreicht Incoronata einen Punkt, an dem nichts mehr geht. Ihr Körper reagiert längst auf die Belastung. Rückenprobleme, Schmerzen und weitere gesundheitliche Beschwerden begleiten sie. Schließlich kommt sie in eine psychosomatische Klinik.
Zum ersten Mal seit langer Zeit muss sie nicht funktionieren. Sie muss nicht organisieren. Sie muss nicht stark sein. Sie muss sich nicht gegen andere behaupten und ständig um ihren Platz kämpfen. Sie muss sich selbst ansehen. Und was sie da sieht, gefällt ihr ganz und gar nicht.
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Incoronata schöpft neue Kraft, findet sich selbst wieder und wird noch lange brauchen, um emotional stabil zu werden. Doch sie wird es schaffen.
Die Rückkehr nach Hause ist schwieriger als gedacht. Die Klinik hat etwas in ihr und sie selbst verändert – aber nicht nur sie. Chrisitian und die Kinder müssen erst wieder lernen, mit der Partnerin und Mutter umzugehen. „Das zu erkennen, tat richtig weh.“
Doch langsam beginnt etwas Neues. Incoronata versteht, dass Selbstfürsorge kein Luxus ist. Dass sie nicht erst zusammenbrechen muss, bevor sie sich selbst ernst nehmen darf. Und sie beginnt mutig Grenzen zu setzen. Nicht mehr alles hinzunehmen. Nicht mehr jeden Konflikt auszutragen. Nicht um jeden Preis dazugehören zu wollen.
Eine Erkenntnis wird dabei entscheidend: Andere Menschen kann sie nicht verändern. Sich selbst aber schon.
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Nach der Klinik trifft sie eine Entscheidung, die ihr schwerfällt: Sie beendet den Kontakt zu Menschen, die ihr nicht guttun. Dazu gehört auch die Ursprungsfamilie ihres Mannes und ihr Bruder. „Es ging mir schlagartig besser.“
Es ist kein einfacher Schritt. Die alten Verletzungen verschwinden nicht plötzlich. Wenn sie ihnen begegnet, spürt sie noch immer, was gewesen ist. Aber sie läuft nicht mehr hinterher. Sie rechtfertigt sich nicht mehr. Sie versucht nicht mehr, um Anerkennung zu kämpfen.
Stattdessen konzentriert sie sich auf ihre eigene Familie – auf Christian, auf Selina, auf Laura und auf sich selbst. Dabei verändert sich auch der Alltag zu Hause. Incoronata weiß jetzt, dass nicht alles im Leben perfekt sein muss und manche Dinge können einfach warten.
Es ist eine unspektakuläre Form von Freiheit. Aber für Incoronata ist sie gewaltig.
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Heute ist Selina 18 Jahre alt. Ihre medizinische Geschichte ist noch lange nicht abgeschlossen. Der Hydrocephalus muss weiterhin kontrolliert werden, epileptische Anfälle gehören zu ihrem Leben, und auch in Zukunft werden Untersuchungen und möglicherweise Eingriffe notwendig sein, die ihren langsam, aber stetig wachsenden Hirndruck mindern.
Gleichzeitig beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Selina hat die Schule abgeschlossen und startet eine Ausbildung in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung.
Wieder steht die Familie vor einer Veränderung. Wieder weiß niemand ganz genau, wie es werden wird. Doch inzwischen ist die Haltung eine andere. Nicht mehr Angst vor jedem nächsten Schritt. Sondern: Wir gehen ihn.
Die Mutter weiß, dass Selina weiterhin ihre Unterstützung brauchen wird. Auch mit 18 ist sie nicht plötzlich unabhängig. Sie braucht lebenslange Begleitung, Pflege und Sicherheit. Und Incoronata hat gelernt „Nein“ zu sagen. Einen Menschen loszulassen. Sich auszuruhen. Die eigenen Grenzen zu erkennen. Und sich verlassen zu dürfen, auf ihren Mann und die Kinder. „Wir sind als Paar und Familie immer noch zusammen und wieder glücklich. Darauf bin ich stolz“.
Und manchmal bedeutet Stärke einfach, am nächsten Morgen wieder aufzustehen, Lebensfreude zu spüren und mutig auf einem eingeschlagenen Weg zu bleiben - bis zur nächsten Kreuzung.