Claudia Dieterle
Fünf Kinder, zwei Geschichten, eine Familie
Manchmal beginnt eine Familiengeschichte mit einem Hund. Für Claudia Dieterle, ihren Mann Uwe und die drei gemeinsamen Kinder war es so, obwohl sie bereits eine Familiengeschichte hatten. „Wir wollten den Hund natürlich aus einem Tierheim retten.“
Doch je länger die Familie über diesen Schritt nachdachte, desto mehr wurde klar, dass es auch viele gestrandete Kinder gibt, die ein neues Zuhause benötigen. Es war ausreichend Platz bei Dieterles, Bereitschaft zur Fürsorge und Verantwortung zu übernehmen auch und das Quäntchen Abenteuerlust für eine so große, alles verändernde Sache.
Die damals fünfköpfige Familie beschloss gemeinsam, ein Pflegekind aufzunehmen, da das Jugendamt dringend Pflegefamilien suchte, die Kinder vorübergehend oder auch in Dauerpflege aufnehmen und versorgen.
Am Ende der Geschichte war die Familie auf sieben Mitglieder angewachsen. Zuerst kam Felix und lediglich zehn Monate später sein leiblicher Bruder Erik zu den Pflegeeltern nach Schiltach.
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Schon als Jugendliche hat Claudia Dieterle ein Interesse daran, Kindern zu helfen. Deshalb liegt der Gedanke als erwachsene Frau und selbst bereits Mutter nicht ganz fern, ein fremdes Kind in Not in die eigene Familie aufzunehmen. Ihre eigenen Kinder sind 15, 13 und acht Jahre alt, ihr Mann 46 und sie selbst 47 Jahr als die Familie gemeinsam entscheidet, diesen Schritt zu gehen.
Mit Blick auf die Konstellation der eigenen Familie, soll es ein Kind sein, das jünger als das bislang jüngste Familienmitglied ist und noch nicht zur Schule geht. Claudia hat Respekt vor den Herausforderungen, die Pflegekinder mitbringen könnten. „Diese Kinder kommen schließlich nicht ohne Geschichte zu uns“, wusste sie.
Das Pflegekind soll von äußeren Pflichten so unberührt wie möglich sein. Zu diesen zählt sie die Schule. Da möchte sie selbst mit dem Kind hineinwachsen und es begleiten, so wie sie es bei ihren eigenen Kindern macht. Sie will der Familie und sich sowie dem Kind Zeit geben, sich auf die neue Situation einzulassen.
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Im November beginnen die ersten Gespräche mit dem Jugendamt. Im Juli kommt Felix zur Welt. Seine Geschichte ist von Anfang an schwierig: Dessen Mutter ist bereits im Alter von 17 Jahren schwanger geworden. Felix hat zwei ältere Geschwister.
Bei ihnen werden Spuren von bereits länger zurückliegenden Misshandlungen und Fetales Alkoholsyndrom (FAS), eine geistige Schädigung des Kindes durch Alkoholgenuss während der Schwangerschaft, festgestellt. Die Brüder unterschiedlicher Väter sind getrennt voneinander untergebracht.
Wer für die Misshandlungen verantwortlich ist, bleibt ungeklärt. Deshalb stellt das Jugendamt beim kleinen Felix eine Kindeswohlgefährdung fest. Er wird gleich nach der Geburt vom Krankenhaus in Obhut genommen. „Mit einem Säugling hatten wir zwar nicht gerechnet. Aber Felix war in Not und wir machten uns bereit für einen sieben Tage alten Säugling.“
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Claudia und Uwe wissen zunächst nicht, ob Felix bei ihnen bleiben wird. Denn seine Mutter hat das Kind nicht zur Adoption freigegeben und ist weiterhin sorgeberechtigt. Das Jugendamt sucht ein Mutter-Kind-Heim, in dem beide unterkommen sollen. Doch die Mutter hat mit ihren weiteren Kindern bereits eine negative Vorgeschichte und kein Mutter-Kind-Heim möchte sie aufnehmen.
In den ersten Wochen besteht ein regelmäßiger Kontakt zwischen der leiblichen Mutter und Felix: zunächst beim Jugendamt, später bei den Pflegeeltern zu Hause.
Für Claudia ist die ungewisse Situation emotional schwierig. Sie möchte keine enge Bindung aufbauen, solange nicht feststeht, ob Felix wirklich bleiben darf. Andererseits kann sie sich dem Kind in dessen Situation emotional gar nicht entziehen. „Eine Trennung von Felix war schon zu diesem Zeitpunkt schwer vorstellbar für uns.“
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Nach acht Wochen ist die Zukunft immer noch offen. Dann kommt der entscheidende Wendepunkt: Felix’ Mutter erscheint nicht mehr zu den vereinbarten Besuchen und hat offensichtlich das Interesse an ihrem Kind verloren. Trotzdem gib sie Felix nie zur Adoption frei. Claudia, Uwe und die leiblichen Kinder leben deshalb weiter mit Verlustängsten, denn Felix ist längst ein fester Bestandteil ihres Familienlebens.
Zehn Monate später meldet sich das Jugendamt erneut. Felix’ Mutter hat wieder ein Kind geboren: Erik. Es wird eine Familie gesucht, die das Kind aufnehmen kann.
Damit steht die Pflegefamilie vor einer neuen, schwierigen Entscheidung. Claudia weiß, dass ein weiteres Kind aus derselben Familie auch neue Belastungen für Felix mit sich bringt. Das Besuchsrecht der Mutter wird erneut eine Rolle spielen. Sie fragt sich, ob sie Felix dieser Unsicherheit ein zweites Mal aussetzen will. Sie hat die Befürchtung, dass ihm die Besuche und vielleicht sogar eine weitere Ablehnung wegen Desinteresses der Mutter schaden könnten.
Doch die Brüder trennen, wollten Claudia und ihr Mann auf gar keinen Fall.
Claudia hofft und das Jugendamt glaubt, dass die leibliche Mutter wie zuvor bei Felix auch bei Erik schon bald ihre Besuchspflicht vernachlässigen wird. So lange sollte Erik in einer Notpflegefamilie untergebracht und erst dann bei Dieterles aufgenommen werden.
Claudia und Uwe bleiben in Kontakt mit der Notpflegefamilie, besuchen Erik und lernen ihn kennen.
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Nach vier Monaten ist es so weit, dass die Mutter das Interesse an ihrem Kind verliert. Das Jugendamt beschließt zunächst die Verantwortung für die Brüder auf mehrere Schultern zu verteilen und entscheidet, Erik nun in eine Familie zu geben, die ihn auch adoptieren würde, sollte sich die Mutter entschließen, ihn zu Adoption freizugeben.
Claudia und Uwe galten allerdings mit über 40 Jahren als zu alt für eine Adoption. „Ich habe die Welt nicht mehr verstanden: Wir waren bereit, alles zu tun, damit die Brüder zusammenbleiben können und die Behörde ordnete deren Trennung an“, erinnert sich Claudia.
Am Ende kommt es anders. Weil sich die Jugendamtsbetreuerin der Schiltacher Pflegefamilie für sie einsetzt und weiß, dass Felix dort bereits gut aufgehoben ist und es Erik ebenso wäre, wechselt die Behörde den Kurs.
Plötzlich haben Claudia und ihre Familie zwei Säuglinge in ihrem Leben. Felix ist zehn Monate lang allein bei ihnen, als dessen leiblicher Bruder Erik hinzukommt. Was zunächst wie eine kaum planbare Entwicklung aussieht, wird zum Alltag. Die beiden Jungen wachsen gemeinsam auf – nicht als „Pflegekinder auf Zeit“, sondern in Dauerpflege.
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Die Ursprungsfamilien des Ehepaars steht hinter dem Entschluss eine Pflegefamilie zu sein. Die Großeltern akzeptieren Felix und Erik sofort als ihre Enkel. Auch die Geschwister Claudias und Uwes sowie deren Kinder sind teils in ähnlichem Alter, sodass die beiden Jungen selbstverständlich in das Familienleben hineinwachsen. Claudia und Uwe gehen offen mit der Pflegefamiliengeschichte um -auch gegenüber den Pflegekindern.
Ganz ohne Herausforderungen bleib der Weg allerdings nicht. Besonders in Kindergarten und Schule hat Claudia manchmal das Gefühl, dass Fachkräfte die Entwicklung der Jungen besonders kritisch beobachten.
Es wird häufig davon ausgegangen, dass die Herkunft der Kinder und deren ungewöhnliche Situation zwangsläufig besondere Probleme verursachen muss. Gleichzeitig macht Claudia die Erfahrung, dass die Familie insgesamt gut behandelt wird.
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Felix und Erik entwickeln ihre eigenen Persönlichkeiten. Obwohl die Pflegeeltern alles so machen, wie bei den leiblichen Kindern zuvor, sind die Pflegekinder anders. „Selbstverständlich entwickeln auch unsere drei leiblichen Kinder verschiedene Charaktere. Allerdings stelle ich dennoch Unterschiede im Vergleich zu Felix und Erik fest. Vermutlich liegt doch mehr in Genen verborgen, als man meint.“
Claudia macht mit beiden Jungen Erfahrungen, die sie mit ihren drei eigenen Kindern nicht macht. Es passieren keine außergewöhnlichen Dinge, aber doch Situationen und „Kleinigkeiten“, die sie mit ihren leiblichen Kindern nicht erlebt. „Beispielsweise erkundete Erik bereits in jungen Jahren völlig eigenständig die Welt. „Schwups, war er weg. Da habe ich echt aufpassen müssen.“ Verglichen mit den leiblichen Kindern, waren die Nachzügler anstrengender.
Unverhoffte Herausforderungen findet Claudia im Bereich Schule. Obwohl sie nach drei Schulkindern überzeugt ist, zum Thema gelassen zu sein, merkt sie, dass die Zeit ihre Spuren dort hinterlassen hat.
Plötzlich geht es offenbar nur noch ums Lernen, was sie aus der Schulzeit ihrer eigenen Kinder so nicht erinnern kann. „Ich habe fast den Eindruck, dass Schule heute den Spaß am Lernen eher nimmt, anstatt ihn zu fördern.“ Sie vermisst die gewohnte Portion „Herzblut“ im Umgang mit den Kindern.
Zudem kommt der schwierige Umgang mit den Sozialen Medien, den Claudia ebenso nicht gewöhnt ist.
Die Mutter muss feststellen, dass ihre bisherige Erfahrung mit Kindererziehung nicht automatisch bedeutet, dass alles leichter wird.
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Im Vergleich zu ihren drei leiblichen Kindern und mit deren zeitlichen Abstand zu Felix und Erik gibt es allerdings auch Vorteile für die Familie. Claudia kann sich von Beginn an mehr Zeit für die Kinder nehmen. Das liegt am Lebensabschnitt und der damit verbundenen, finanziellen Konsolidierungsphase, in der das Ehepaar mittlerweile angekommen ist. Claudia arbeitet weiterhin, kann allerdings ihre Arbeitszeiten bündeln und reduzieren.
„Ich habe eine Art Elternzeit mit Felix und Eric genießen können.“ Die beiden sind erst mit drei Jahren in den Kindergarten gekommen, weil Claudia die Zeit mit den Jungen zuvor bewusst genießen wollte. „Ich kann mich erinnern, dass ich mich wie eine Exotin unter anderen Müttern fühlte, die arbeiten und verlängerte Betreuungszeiten in Anspruch nehmen mussten.“In dieser Zeit sei bei Dieterles gemeinsam gekocht, auch mal herumgelümmelt, das Zusammensein genossen und der Alltag miteinander erlebt worden, sagt Claudia und weiß diese Zeit sehr zu schätzen.
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„Es war manchmal echt anstrengend, vor allem als Felix und Erik noch klein waren. Sie sind ja nur zehn Monate auseinander, was sich anfühlte, als wären Zwillinge im Haus.“ Die Erfahrung als Pflegefamilie habe die Verbundenheit zwischen Uwe und Claudia als Paar gefestigt, empfindet sie.
Für die leiblichen Kinder war diese Zeit eine besondere. Denn auch sie hatten plötzlich Babys im Haus, mussten mithelfen und Verantwortung übernehmen und konnten die Zeit mit so kleinen Kindern bewusst erleben. „Es passiert nicht häufig, dass zwischen Geschwistern 15 Lebensjahre liegen.“Alle fünf Kinder haben Gemeinsamkeiten, aber auch unterschiedliche Bindungen miteinander und untereinander entwickelt. Und streiten, will auch in einer Pflegefamilie gelernt sein.
Per se sei ein Alltag mit fünf Kindern im Haus der „ganz normale Wahnsinn“, sagt Claudia.
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Heute sind Claudia und Uwe 61 beziehungsweise 60 Jahre alt. Felix und Erik sind 15 und 14. Die drei älteren Kinder sind längst erwachsen: Der älteste Sohn arbeitet als Rettungssanitäter und im Gesundheitsmanagement und lebt mit seiner Frau in Karlsruhe, die älteste Tochter wohnt mit ihrer eigenen Familie Tür an Tür zu Claudia und Uwe, und die jüngste studiert.
Felix und Erik gehören weiterhin selbstverständlich zum Familienleben. Für Claudia gibt es emotional keinen Unterschied zwischen ihnen und ihren älteren Kindern. Das ist auch unter den fünf Geschwistern und bei Uwe so.
Ein besonderer Wunsch der Jungen beschäftigt die Familie heute: Sie möchten sich, sobald es rechtlich möglich sein wird, von Claudia und Uwe adoptieren lassen. Für sie soll ihre Familie damit vollständig werden.