Christine Fichter
Für alle da – und jetzt auch für sich selbst
Christine Fichter nimmt die Dinge in die Hand. Sie kümmert sich – um Menschen und ihre Anliegen. Besonders in ihrer Familie war und ist sie weiterhin gefordert. Zeigt Stärke. Auf ihrem bisherigen Lebensweg ging vieles nicht glatt. Dennoch blickte sie immer nach vorne.
Sie ist ein religiöser und zugleich spiritueller Mensch. Die studierte Religionspädagogin und Diakonin möchte offenbleiben und schon gar nicht in Schubladen denken. Dabei ergründet sie nicht die ultimative Wahrheit. Die gibt es für sie nicht.
Erfahrungen spiegeln immer die subjektiv erlebte Wirklichkeit wider und können daher kein allgemeingültiges Ergebnis haben. Sie weiten den Blick und reflektieren was ist und sein kann.
Wer bin ich außerhalb meiner Rollenzuschreibung durch andere, wo sind meine Wurzeln und wo bin ich beheimatet? Genau das ist es, was sie beschäftigt - vielleicht sogar ein ganzes Leben lang.
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Weil sie sich bewusst nicht an Facetten ihres Lebens messen lassen möchte, hält sie sich gerne an eines ihrer Lieblingssymbole dafür. Bäume sind für Christine Fichter Symbole der Stärke und Standfestigkeit. Sie sind nach unten hin verwurzelt und in Richtung Himmel ausgestreckt. „Das passt zu mir und meiner religiösen Einstellung.“
Im Text der Ausgabe der Bibel in gerechter Sprache hat sie eine Lebensweisheit entdeckt:
„Gesegnet ist jede Frau und jeder Mann, die auf Gott vertrauen und deren Rückhalt Gott ist. Sie sind wie Bäume, am Wasser gepflanzt, zum Wasserlauf strecken sie ihre Wurzeln hin. Dass Hitze kommt, fürchten sie nicht, sie behalten ihr Laub. Auch in einem Dürrejahr sind sie ohne Sorge, sie hören nicht auf, Frucht zu tragen.“ (Jeremia 17, 7-8). -
Christine Fichter wird 1963 in Freiburg geboren. Schon als Kind übernimmt sie Verantwortung für ihren drei Jahre jüngeren Bruder, der das Down-Syndrom hat. „Du schaust auf ihn“, bekommt sie wie selbstverständlich mit auf den Weg.
Sie liebt ihren Bruder bis heute und ist inzwischen sogar seine gesetzliche Vertreterin. Doch als Kind bedeutet diese Verantwortung auch, dass sie früh lernen muss, sich selbst zurückzunehmen. „Wenn mein Bruder lachte, haben sich alle gefreut. Dann hatte ich das gute Gefühl, dass ich meine Aufgabe erfüllt hatte.“
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Als sie etwa elf Jahre alt ist, erkrankt ihre Mutter an Leukämie. Die Krankheit bestimmt das Familienleben und die Kindheit. Christine wird auch zur Zuhörerin für die Sorgen ihres Vaters. Als sie 13 ist, stirbt ihr Vater völlig überraschend.
Sechs Wochen später stirbt ihre Mutter. Diese erklärt ihr Tage vor ihrem Tod nüchtern, wie es weitergehen wird – ohne Tränen, ohne sichtbare Verzweiflung. Damals war das für die Tochter verstörend. Rückblickend sieht sie darin auch die Stärke ihrer Mutter.
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Nach dem Tod ihrer krebskranken Mutter kommen die damals 13-Jährige und ihr Bruder 1977 in die Obhut der Tante (Schwester ihrer Mutter) in den evangelischen Pfarrhaushalt nach Schiltach. Sie werden gemeinsam mit vier leiblichen Kindern der Verwandten im christlichen Glauben erzogen. Mit 17 Jahren lernt sie ihren späteren Ehemann kennen, mit 20 heiratet sie.
Spätestens ab diesem Zeitpunkt war sie in Schiltach entweder die Pflegetochter der Pfarrersleut, die Frau ihres Mannes und später dann die Mutter des Unfallmädchens.
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Nach dem Abitur studiert Christine Religionspädagogik in Freiburg. Dieses Studium befreit sie von einseitigen, eng führenden „christlichen Glaubensvorstellungen“.
Sie entdeckt, dass Glaube nicht aus engen Vorschriften bestehen muss, sondern dass biblische Texte unterschiedlich, tiefgründig und auch aus feministischer Perspektive gelesen werden können. Und sie wusste seit ihrer kirchlichen Jugendarbeit in Schiltach bereits: Sie möchte mit Kindern und Jugendlichen arbeiten und Menschen begleiten. All das steckt für die Studentin in Religionspädagogik und ist genau ihr Ding.
Nach dem Studium ist Christine rund elf Jahre als Diakonin in Villingen tätig und danach als Religionslehrerin an verschiedenen Schulen. 1994 zieht die Familie wieder nach Schiltach.
Gleichzeitig unterstützt sie ihren Mann beruflich, hilft bei seinen Projekten und übernimmt immer wieder zusätzliche Aufgaben. Nach außen gelingt ihr scheinbar alles: Familie, Kinder, Beruf, Engagement.
Doch Christine erkennt später, dass sie dabei erneut über ihre eigenen Grenzen geht. Die alte Kümmerrolle hat sich zwar verändert, aber sie ist geblieben.
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Am 12. Juni 2010 verändert der Verkehrsunfall ihrer Tochter Kathrin alles. Kathrin liegt zunächst sechs Wochen lang schwer verletzt in der Uniklinik in Freiburg. Christine erkennt die Laufwege des Klinikgeländes: „Ich ging sie bereits als Kind zu meiner sterbenden Mutter und jetzt als Mutter zu meinem schwerverletzten Kind.“ Christine wird erneut mit voller Wucht in ihre Kümmerrolle zurückgeworfen.
Mitten in dieser Krise erkennt sie das Muster des weiblichen Verzichts, das ihre Oma auf die Mutter und diese auf sie übertragen haben. Sie trifft eine Entscheidung: Ihre beiden gesunden Töchter sollen nicht in dieser Weise zurückstehen müssen, wie sie es selbst als Kind erlebt hat.
Sie organisiert den Alltag so, dass Lena und Theresa weiterhin ihr eigenes Leben haben dürfen und Kathrin nicht immer im Vordergrund steht. Gemeinsame Besuche bei der schwerstbehinderten Tochter sollen von ihnen nicht als Verpflichtung wahrgenommen werden. Sie sind verbunden mit gemeinsamen Erlebnissen, etwa Essen gehen oder Ausflügen – Christine schafft bewusst positive Erinnerungen.
Dadurch versucht sie ihre Töchter davor zu schützen, ebenfalls in eine lebenslange Kümmerrolle hineinzuwachsen.
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Gleichzeitig erlebt die Familie eine zunehmende Vereinsamung, weil viele Menschen zu Hause nicht wissen, wie sie mit den Eltern eines schwer verunglückten Kindes umgehen sollen. „Viele setzten voraus, dass wir permanent unendlich traurig sein müssen“. Eine Zwanglosigkeit im Umgang miteinander in Gesellschaft wie vor Kathrins Unfall ist nicht mehr möglich. Es herrscht Sprachlosigkeit.
Aber nicht überall: In ihrer Volleyballgruppe fühlt sich Christine ein Stück weit aufgefangen und wohl, denn die Frauen lassen ihr Zeit und sind für sie da, wenn sie sie braucht. „Das war echte Frauensolidarität.“
Mit der Zeit wird ihr klar, dass auch Fürsorge ihre Grenzen braucht. Als Kathrin in das Pflegeheim nach Schiltach kommt, ist sie näher bei der Familie. Das erleichtert vieles. Gleichzeitig birgt die Nähe eine ganz eigene Gefahr: Weil Christine nun vermeintlich jederzeit verfügbar sein könnte, befürchtet sie, sich selbst unter Druck zu setzen – aus dem Gefühl heraus, ständig für Kathrin da sein zu müssen.
Deshalb entscheidet sie bewusst: Die räumliche Nähe darf nicht bedeuten, dass sie jeden Tag und jederzeit dort sein muss. Sie beginnt zu unterscheiden zwischen „Verantwortung tragen“ und „sich selbst aufgeben“.
Christine und ihr Mann sorgen weiterhin für eine bestmögliche Förderung ihrer Tochter und für dauerhafte Therapien beispielsweise mit Ergo und Physio.
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Sie denkt weit über konventionelle Behandlungsmöglichkeiten hinaus und interessiert sich ebenso für spirituelle Alternativen.
Als der brasilianische, christliche Geistheiler, das Medium João de Deus in Deutschland auftritt, schaut sie auch dort vorbei. Zweimal ist Kathrin dabei und reagiert auf offenbar freigesetzte Energien in den Sitzungen. Eine gemeinsam mit ihrem Mann unternommene Brasilienreise ins Behandlungszentrum Joãos beeindruckt beide tief.
Diese Erfahrung wird für Christine zu einer Art Abschluss all dessen, was sie und ihr Mann bis dahin unternommen hatten, um Kathrin bestmöglich zu unterstützen und ihr jede erdenkliche Förderung zukommen zu lassen. Mit der beruhigenden Gewissheit, alles Menschenmögliche für ihre Tochter getan zu haben, kann Christine die Last der Verantwortung für sie nun auch ein Stück weit teilen. Sie muss nicht mehr alles selbst tragen, ohne dabei den Kontakt zu ihrer Tochter zu vernachlässigen. Sie bleibt auch weiterhin in ihren guten Händen.
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2020 zerbricht ihre Ehe. Nach Jahrzehnten gemeinsam mit ihrem Mann steht sie plötzlich allein da. Die Trennung trifft sie hart.
Wieder steht sie vor der Frage: Wer bin ich, wenn ich nicht für jemand anderen funktioniere? Dazu kommt die schmerzhafte Frage nach ihrer Heimat. Freiburg, die Stadt ihrer Kindheit, zieht sie weiterhin an – doch ihr Leben ist inzwischen tief mit Schiltach und mit Kathrins Situation verbunden.
Nach der Trennung beginnt eine neue Phase. Christine muss lernen, bisher gewohnte, gemeinsame Entscheidungen allein zu treffen, allein irgendwo hinzugehen und sich nicht ständig danach zu richten, was andere von ihr erwarten.
Sie beschreibt diesen Prozess als etwas, das sie seit 2020 lernt: sich selbst wahrzunehmen, allein in Urlaub zu fahren, wieder Kontakte aufzunehmen und sich ein Stück Freiheit zurückzuerobern.
Gleichzeitig findet sie immer stärker zu ihrer beruflichen Identität zurück. Ihre Arbeit mit den Konfis in der evangelischen Kirchengemeinde Schiltach erfährt viel positive Rückmeldung und ist schon immer ein wichtiger Teil ihres leidenschaftlichen Berufslebens gewesen. Sie erlebt Anerkennung für das, was sie kann – nicht als Mutter von Kathrin, nicht als Ehefrau und nicht als Kümmerin, sondern als Christine.
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Heute beschreibt Christine ihre Stärke nicht mehr allein als die Fähigkeit, schwierige Situationen auszuhalten. Stärke bedeutet für sie zunehmend, die eigene innere Kraft zu entdecken.
Diese Erkenntnis kann sie ihren Töchtern mitgeben. Anders als ihre eigene Mutter möchte sie nicht nur Stärke vermitteln. Sie möchte ihren Kindern ein positives Selbstbild ermöglichen und sie in ihrer Weiblichkeit und Eigenständigkeit bestärken.
Christine sagt, dass sie gelernt hat, für andere da zu sein – und zugleich für sich selbst einzustehen. Und sie möchte diese Stärke nicht für sich behalten, sondern an andere Frauen und an deren Töchter weitergeben. „Es geht darum, auf die innere Stärke in sich zu vertrauen, unabhängig davon, was andere von einer Frau erwarten.“