Betti Tuffentsammer
Dem Leben leise, aber kraftvoll einen Weg gebahnt
Manchmal beginnt ein Familienleben nicht mit einem Kinderwagen vor der Haustür, nicht mit einem sorgfältig geplanten Kinderzimmer und auch nicht mit der Gewissheit, dass alles seinen richtigen Lauf nehmen wird. Manchmal beginnt es mit einem Wunsch. Und mit der Erkenntnis, dass das Leben andere Pläne hat.
Betti Tuffentsammer hatte sich ihr Leben nicht als große Geschichte vorgestellt. Sie war jung, als sie Wolfgang kennenlernte. Nach beider Ausbildungen und Lebensverlauf war plötzlich Platz für ein Kind. Und es kamen zwei. Und die brauchten Betti ganz dringend.
-
Mit Wolfgang lernt Betti Tuffentsammer mit 16 Jahren ihre erste Liebe kennen. Beide kommen aus unterschiedlichen, keineswegs christlich geprägten Elternhäusern. Wolfgang entscheidet sich dennoch für ein Theologiestudium. Nach dem Abitur zieht das Paar zusammen. Betti macht eine Ausbildung zur Arzthelferin.
Nach seinem Studium wird Wolfgang eine Stelle als Vikar angeboten. Beide leben zu diesem Zeitpunkt bereits seit zehn Jahren zusammen und beschließen 1986 zu heiraten. Das erscheint dem Paar ein guter Zeitpunkt, zumal verheirateten Geistlichen eine größere Wohnung zusteht. „Wer weiß, ob wir sonst nicht noch länger als zehn Jahre quasi verlobt gewesen wären“, erinnert Betti sich mit einem Augenzwinkern.
Sie wünschen sich Kinder, denn Platz dafür haben sie jetzt in Aussicht. Bald stellt sich heraus, dass dieser Wunsch auf natürlichem Weg nicht erfüllt werden kann. Untersuchungen bringen schnell Gewissheit.
Betti und Wolfgang entscheiden sich zunächst für eine Adoption. Doch dafür sind sie inzwischen zu alt. Es gibt mehr Pflege- als Adoptivkinder. Von Paaren mit Adoptionswunsch werden jüngere bevorzugt.
-
Das Paar entscheidet sich ein Pflegekind aufzunehmen. Wohlwissend, dass die tatsächlichen Eltern ihr Kind zurückfordern könnten, wenn sich deren Lebenssituation zum Wohl des Kindes verbessert. Das nehmen sie in Kauf, denn eine andere Möglichkeit gibt es nicht und ein Familienleben ist Betti wichtig. „Wenn‘s so gekommen wäre, dass die leibliche Mutter sich irgendwann anders entschieden hätte, hätten wir halt geheult und weitergemacht. Was soll man sonst auch tun?“
Was zunächst wie eine Alternative aussieht, wird zu einer Aufgabe, die Bettis Leben verändern wird. Und sie kultiviert im Laufe der Zeit eine Art von humorvoller Distanz - zum Selbstschutz.
-
Beim zweiten Anlauf klappt es und das Paar lernt die viermonatig Anna (Name geändert) in einer Notunterkunft kennen. Deren Mutter litt unter Schizophrenie und kann ihr Kind nicht versorgen. Der Vater bewegt sich im Drogenmilieu.
Anna ist in einem verwahrlosten Zustand und in der Notunterkunft nicht gut aufgehoben. Betti und Wolfgang entscheiden, das Kind noch vor dem Umzug in die größere Wohnung zu sich zu holen.
„Wir rückten eben zusammen und hatten plötzlich ein Kind, das ständig schrie, wenn es wach war, oder schlief“, beschreibt Betti die anstrengenden ersten Wochen mit einem sogenannten Schreikind. Doch mit ausdauernder Zuwendung und intensiver Beschäftigung der Pflegemutter mit dem Kind, beruhigt sich die Situation im Laufe des Jahres.
-
Anna entwickelt jedoch bereits als Kleinkind einen außergewöhnlichen, schon fast tyrannischen, Willen. Von Beginn an wurde das Mädchen in der Abteilung für entwicklungsgestörte Kinder unter Leitung von Jirina Prekop im Olgahospital begleitet. Dort bekam Betti wertvolle und damals ganz moderne Erziehungstipps.
„Es gab immer wieder außergewöhnliche oder fragwürdige Situationen mit Anna. Offensichtlich hatte sie das italienische Temperament ihres sardischen Vaters und der sizilianischen Mutter geerbt“, denkt Betti heute.
Anna lernt schnell sprechen und laufen und ist auch sonst sehr agil.
-
Mittlerweile führt Betti einen Pfarrhaushalt mit vielen dazugehörigen, ehrenamtlichen Aufgaben wie Telefondienst und Terminmanagement. Sie macht Fortbildungen, sodass sie die Mutter-Kind-Gruppe, die Jungschar und später auch die Seniorenarbeit und Telefonseelsorge übernehmen kann.
Und es ist Platz, Zeit und Bereitschaft für ein weiteres Kind. Diesmal wird das Paar vom Jugendamt gebeten, ein zweijähriges Dauerpflegekind mit Entwicklungsverzögerung einer obdachlosen Mutter zu übernehmen. Betti kann und will nicht nein sagen und nimmt die Aufgabe auch als Pfarrfrau an.
Mario (Name geändert) war ein Jahr und drei Monate jünger als Anna. Er lernt erst sehr spät laufen, essen und sprechen. Jahrelang besteht sein Alltag aus Therapie, Training und Förderung – Betti ist stets an seiner Seite. Die Wohnung wird zum Übungsparcours. Matratzen liegen auf dem Boden, Hindernisse werden aufgebaut.
Alle machen mit. Auch Anna. Ihr Temperament tut Mario gut. Sie bringt Bewegung in sein Leben und fordert ihn heraus. Er könnte sprechen, tut es aber lange Zeit nicht. Häufig schläft das Kind beim Sitzen ein und muss immer wieder motiviert werden.
Doch Betti gibt nicht auf. Als Pfarrerskind hat Mario Zugang zu Kinderchor und Musik. Das Singen wird schließlich zu einem Schlüssel: Über das Singen lernt er zu sprechen. Später wird er ein sehr guter Sänger. „Wir haben eben immer und überall alle neuen Wörter im Singen geübt. Das klappte.“ Betti freut sich über jeden mühsam erreichten Erfolg mit Mario. Rückschläge steckt sie mit der ihr eigenen humorvollen Distanz in die Tasche.
-
Doch die Herausforderungen enden damit nicht. Als Mario in den Kindergarten kommt, diagnostiziert der Arzt eine geistige Behinderung. Eine Integrationshilfe wäre notwendig. Doch niemand fühlt sich zuständig. Weil Mario ein Pflegekind ist, streiten sich Krankenkasse und Jugendamt wegen der Kostenübernahme.
Für Betti ist das keine Option. Sie geht in finanzielle Vorleistung, weil sie nicht akzeptieren will, dass Mario womöglich jahrelang auf einen Kindergarten- und später auf einen Schulplatz warten muss, nur weil Ämter sich über Geld streiten. Sie telefoniert, organisiert, sucht Lösungen. Sie schaltet Juristen ein, wendet sich an die Presse und an den Petitionsausschuss des Landtags.
Betti kämpft für Marios Ausbildung und lernt, dass Fürsorge manchmal nicht leise ist. Manchmal bedeutet sie, unbequem zu werden. Das fiel ihr als gutmütige und großzügige Person besonders schwer. Sie kultiviert ihre Distanz zum Geschehen als Selbstschutz weiter.
-
Beide Kinder gehen zuletzt in eine Waldorfschule und erlangen schließlich den Hauptschulabschluss.
Anna entwickelt für sie vorteilhafte Talente. Sie mischt ganze Schulklassen auf, spielt Kinder und Lehrer gegeneinander aus, ist überzeugend in ihren Argumentationen, beeinflusst Meinungen, ist schlau und sicher manchmal auch manipulativ unterwegs, vermutet Betti. Sie erlangt einen Ausbildungsplatz zunächst als Verkäuferin und dann als Einzelhandelskauffrau mit legalen, aber innovativen Mitteln. Betti kann nur staunen.
Doch das ist nicht immer so. Annas Talent im Umgang mit Menschen bringt das Paar im Laufe der Erziehung der jungen Frau an die Grenzen. Es gibt viele Elterngespräche in Schulen, Rausschmisse, Verunglimpfungen der Pflegeeltern, die zeitweise größte Befürchtungen um ihr eigenes Wohl haben – alles wegen Anna. Mit Abstand sagt Betti heute: „Die hat halt echt Blödsinn gemacht.“
Die Pflegemutter vermutet, dass Annas selbstständige Recherche zu den eigenen Familienwurzeln in Sizilien das Verhältnis zu den Pflegeeltern zu einer besseren Qualität verhilft. „Das kam von ganz allein, ohne unser Zutun.“
Anna ruft heute fast täglich an und erzählt von ihrem Job mit Personalverantwortung für rund 40 Mitarbeitende und von ihrem Alltag zwischen beruflichen Auslandsreisen, ihrem Büro und Zuhause. Betti nimmt heute gerne Anteil an Annas Leben, doch wahrt sie als Pflegemutter doch auch hier Distanz - zum Selbstschutz.
-
Mario liebt es bereits als Kind, Ordnung zu halten, Rasen zu mähen und Straßen sauber zu halten. Er mag praktische Arbeit. Eine Ausbildung beim Bauhof der Stadt wäre eine Option, denkt Betti. Doch Mario ist und bleibt individuell und das macht ihn in der Berufsschule angreifbar – wieder einmal und wie immer.
Erst als Mario 17 Jahre alt ist, wird das Asperger-Syndrom bei ihm festgestellt (angeborene, neurologisch bedingte Variante des Autismus).
Der junge Mann verschwindet plötzlich – ohne erkennbaren Auslöser und ohne Nachricht. „Was hätte ich machen sollen? Er war schließlich 18 Jahre alt.“ Bekannte oder Nachbarn berichten der Familie von zufälligen Begegnungen mit dem zeitweise Obdachlosen in Stuttgart.
Nach rund einem Jahr ohne Kontakt zu Mario taucht er plötzlich im Heiligabendgottesdienst auf. Betti öffnet ihm die Tür. Sie fragt nicht nach Schuld. Sie fragt: „Kommst du morgen zum Essen?“
Mario findet schließlich über die Obdachlosenhilfe zurück in ein geregelteres Leben. Er macht eine Ausbildung im Metallbereich, erwirbt Pkw - und Gabelstaplerführerschein und findet selbstständig seinen eigenen Weg. „Alles, was er beruflich geschafft hat, hat er ganz allein gestemmt“, sagt Betti. Sie freut sich, ihm den Steigbügel dazu gehalten zu haben.
Zurzeit lebt Mario in einer Wohngemeinschaft in Ostdeutschland mit Kranführer Werner (Name geändert). Eine Männerfreundschaft, die offenbar beiden guttut. Es gibt Treffen der beiden mit Marios Pflegefamilie in Schiltach und zuletzt sogar mit Marios Freundin.
An Weihnachten sind beide Kinder immer in Schiltach. „Ich bräuchte das nicht. Aber sie dürfen natürlich gerne kommen“, sagt Betti.
-
Mit den Jahren begreift sie immer deutlicher: Alle Kinder kommen nicht als leeres Blatt in eine Familie, weder die leiblichen noch die anderen.
Annas feuriges Temperament erinnert sie an deren leibliche Eltern mit italienischen Wurzeln. Bei Mario erkennt Betti Ähnlichkeiten mit seinem leiblichen Vater, den sie ebenfalls kennengelernt hat. „Das geht sogar so weit, dass sich Bewegungen und Gesten beider ähneln, obwohl Mario nie mit seinem Vater zusammen war.“
Eigenschaften, Verhaltensweisen, Prägungen – manches scheint sich fortzusetzen, auch wenn sich Menschen kaum kennen, hat Betti gelernt.
Selbst in der Pflegefamilie Tuffentsammer wiederholen sich Muster, wie beispielsweise die ADHS-Erkrankung (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom), deren Merkmale sowohl Wolfgang als auch Betti tragen, und was beide Pflegekinder später ebenfalls entwickelten. „Dabei sind wir doch gar nicht verwandt“, wundert sich Betti.
-
Betti betrachtet individuelle Unterschiede bei ihren Pflegekindern nicht als etwas, was verschwinden muss. Sie weiß, dass Erziehung nicht bedeutet, einen Menschen nach den eigenen Vorstellungen zu formen. „Ich kann meinen Kindern doch nicht zumuten, dass sie so werden wie ich mir das wünsche.“ Und sie weiß, der Kampf hört nicht auf, nur weil Kinder erwachsen werden. Doch dann ist es lediglich deren Kampf.
Betti kann auch im Allgemeinen Menschen so annehmen, wie sie sind. Auch mit dem Wissen, dass es deren Situation ist und nicht ihre sein muss. Sie kann Distanz dazu waren – oft auch mit einer feinen Prise Humor.